KEN LANDROS / VERBORGENE FRONT
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VERBORGENE FRONT · BAND 3 · KAPITEL 1

Die Phantome von Tonkin

Diese Leseprobe verrät Ereignisse aus Band 2. Einstieg in die Reihe: »Das andere Ufer« (Band 1).

Kapitel 1

Saigon. Samstag, 14. Dezember 1963.

Er hatte die Chrysanthemen am Abend vorher in Bangkok gekauft, auf dem Blumenmarkt am Fluss, bei einer alten Frau, die sie ihm in nasses Zeitungspapier wickelte und dazu sagte, auf Thai und dann mit den Händen, man müsse die Stiele über Nacht ins Wasser stellen und am Morgen schräg abschneiden. Garrity hatte sie in einem Eimer im Laderaum mitgenommen, festgezurrt zwischen zwei Kisten mit Ersatzteilen für die Hubschrauber, und der Lademeister in Udorn hatte den Eimer angesehen und nichts gesagt. Es war ein gewöhnlicher Tag. Niemand sah in Tan Son Nhut in ein Buch, das es nicht mehr gab, und an der Glasscheibe saß ein neuer Mann, der Garritys Ausweis ansah und ihm einen schönen Aufenthalt wünschte.

Saigon war eine andere Stadt seit November. Man sah es nicht sofort. Die Straßen waren dieselben, die Rikschas, die Tamarinden, der Verkehr vor dem Markt von Bến Thành. Aber an den Wänden klebten neue Plakate mit den Gesichtern von Generälen, die einander nicht ähnlich sahen, und vor den Kinos standen Schlangen, weil man wieder ausländische Filme zeigen durfte, und vor dem Givral saßen junge Leute, die laut lachten. In den Nachtklubs an der Tự Do wurde getanzt. Ein Taxifahrer erzählte Garrity auf dem Weg nach Gia Định, ohne dass er gefragt hätte, die Generäle seien gute Männer, sie wüssten nur nicht, was sie wollten, und die Vietcong wüssten es.

Der Friedhof lag hinter einer weißen Mauer, am Ende einer staubigen Straße, an der Frauen Kränze aus Plastikblumen verkauften. Der Wärter mit dem Rosenkranz um das Handgelenk saß am Tor im Schatten und stand auf, als er einen Amerikaner mit einem Eimer kommen sah.

„Reihe vierzehn“, sagte Garrity auf Französisch. „Grab einunddreißig.“

Der alte Mann sah ihn an, sah die Blumen an, und führte ihn hin.

* * *

Auf dem Grab lagen schon Blumen. Ein kleiner Strauß weißer Lilien, nicht älter als zwei Tage, und daneben, mit einem Stein beschwert, ein Blatt Papier, das der Tau gewellt hatte. Garrity bückte sich. Es war eine Kinderzeichnung, mit Buntstiften, ein Haus mit einem spitzen Dach, auf dem Schnee lag, viel Schnee, dick und weiß, so viel, wie ein Kind in Saigon sich vorstellt, wenn man ihm sagt, dass es in Chicago schneit. Vor dem Haus stand ein Mädchen. Darunter, in einer großen, vorsichtigen Schrift, ein französisches Wort. Bientôt. Bald.

„Die Französin“, sagte der Wärter hinter ihm. „Sie kommt jeden Freitag. Das Bild hat sie gestern gebracht. Es kam mit der Post aus Bangkok, das Kind hat es geschickt.“

Garrity stellte die Chrysanthemen neben die Lilien, in den Eimer, weil es keine Vase gab, und legte den Stein wieder auf das Blatt. Dann stand er eine Weile da. Er wusste nicht, was man an einem Grab tat, an dem man nicht trauern durfte, weil man den Mann nicht gekannt hatte, und an dem man trotzdem stand, weil man an seinem Tod einen Anteil hatte, klein, aber nicht so klein, dass man ihn vergessen konnte.

Er hörte Schritte auf dem Kies und drehte sich nicht um.

„Ich dachte, ich finde Sie hier“, sagte Zielinski.

Er trug ein weißes Hemd und eine Krawatte, die er lockerte, als er neben Garrity stehen blieb. Er sah besser aus als im November. Er hatte zugenommen, ein wenig, und er hielt den Kopf gerade.

„Sie haben die Nachricht bekommen“, sagte Garrity.

„Komme Samstag, gewöhnlicher Tag.“ Zielinski lächelte nicht ganz. „Die Funker haben gefragt, was ein gewöhnlicher Tag sei. Ich habe gesagt, ein Tag, an dem niemand ins Buch sieht. Sie haben nicht verstanden. Das war gut.“

Sie standen nebeneinander vor dem Holzkreuz. Phan Văn Lộc. Dịch giả.

„Sie fliegen im Januar“, sagte Zielinski nach einer Weile. „Am achten, über Tokio und Honolulu. Der Pfarrer von St. Hyacinth holt sie in Chicago am Flughafen ab. Meine Mutter fährt mit. Sie hat einen Mantel für das Kind gekauft, rot, mit Kapuze, und schreibt mir jede Woche, ob er groß genug sein wird.“

„Wird er?“

„Meine Mutter kauft alles eine Nummer größer. Sie sagt, Kinder wachsen schneller, als man denkt, und Mäntel nicht.“

Garrity nickte. Er sah auf die Zeichnung unter dem Stein, auf den vielen Schnee.

„Und Ihre Berichtigung?“

„Zur Kenntnis genommen.“ Zielinski sagte es ohne Bitterkeit. „Sie liegt in Virginia in einer Mappe. Irgendwann wird jemand sie finden. Haverford sagt, in zwanzig Jahren. Er sagt das über alles, was ihm nicht passt.“ Er schob die Hände in die Taschen. „Es gibt einen neuen Chef. Er will Ergebnisse. Die Generäle wollen Ergebnisse. In Washington wollen alle Ergebnisse. Nächste Woche kommt der Verteidigungsminister, zum zweiten Mal in diesem Herbst, und wird feststellen, dass es keine gibt. Die Wehrdörfer fallen auseinander, seit der Bruder tot ist, der sie erfunden hat. Die Vietcong gehen in den Dörfern ein und aus. Niemand zählt mehr, wer wo wohnt.“

„Und Sie?“

„Ich zähle.“ Zielinski zuckte die Schultern. „Man hat mich in eine Abteilung gesetzt, die mit dem Militär zusammenarbeitet. Kommandoaktionen gegen den Norden, vom Meer aus. Ich lese die Berichte und schreibe Zusammenfassungen. Es ist eine Arbeit, bei der man viel zählt und wenig versteht.“ Er sah zum Tor, wo der Wärter wieder im Schatten saß. „Samstags spiele ich wieder Schach. Mit Wrona. Er hat einen neuen Gegner gefunden, einen Amerikaner aus Phu Bai, oben bei Huế. Einen Linguisten. Er spricht besser Vietnamesisch als jeder andere Amerikaner, den ich kenne. Er gewinnt manchmal gegen Wrona.“

„Und Sie?“

„Ich gewinne nie gegen Wrona. Ich gewinne manchmal gegen den Linguisten. Wir sind zu dritt. Wrona sagt, das sei die einzige Form, in der Polen, Russen und Amerikaner in diesem Land miteinander auskommen.“ Zielinski lächelte jetzt doch. „Er meint mich mit dem Russen. Ich spreche es besser als er.“

* * *

Sie gingen zusammen zum Tor. Der Wärter stand auf und sagte etwas zu Zielinski auf Vietnamesisch, und Zielinski antwortete in drei, vier Wörtern, langsam, mit einem Akzent, den sogar Garrity als schlecht erkannte, und der alte Mann lachte, nicht unfreundlich, und sagte etwas anderes.

„Was hat er gesagt?“

„Dass ich die Wörter richtig wähle und falsch singe.“ Zielinski hielt ihm das Tor auf. „Vietnamesisch hat sechs Töne. Ich treffe drei. Der Linguist sagt, das sei für einen Polen aus Chicago gar nicht schlecht. Er sagt, für einen Amerikaner aus Washington sei null normal.“

Am Tor gab Garrity dem Wärter einen Geldschein, für das Wasser in dem Eimer und dafür, dass er die Blumen nicht wegwarf, bevor sie welk waren. Der alte Mann nahm ihn, ohne zu danken, und sagte auf Französisch, er werfe nie etwas weg, das man für einen Toten gebracht habe. Er warte, bis die Toten es selbst nicht mehr wollten.

Zielinski fuhr ihn zum Flughafen zurück, in dem grauen Ford der Hilfsmission, der jetzt eine Delle im Kotflügel hatte. Unterwegs, an einer Kreuzung, stand ein Lastwagen mit Soldaten, die Mandarinen aßen und die Schalen auf die Straße warfen, und einer von ihnen winkte dem Ford zu. Garrity dachte, dass man in Saigon im Dezember mehr winkende Soldaten sah als im Sommer, und dass das nichts bedeutete.

„Lamphoun kann bis hundert“, sagte er. „Schwester Anne-Marie hat es mir geschrieben. Zu Weihnachten, wie sie gesagt hatte.“

„Werden Sie es Ruth Calloway schreiben?“

„Heute Abend.“

Zielinski nickte. Er fragte nicht, wer Lamphoun war. Er wusste es. Garrity hatte es ihm im Oktober erzählt, auf dem Boden von Verniers Wohnung, zwischen den Zeitungen.

* * *

Im Büro der Air America am Ende des Vorfelds lag ein gelbes Formular für ihn bereit. Der Angestellte am Schalter gab es ihm mit einer Miene, die sagte, dass er es gelesen hatte, und Garrity sah an der Miene, dass es nichts Gutes war, bevor er es las.

Es kam aus Vientiane. Ortiz hatte es aufgegeben, am Morgen, um zehn.

Sithone gestern Abend vor Haus Schwester erschossen. K. bittet Sie kommen. Beerdigung Mittwoch. Ortiz.

Garrity las es zweimal. Dann gab er es Zielinski, der neben ihm stand und es las und es ihm zurückgab, ohne etwas zu sagen.

„Er war frei“, sagte Garrity. „Seit zehn Tagen. Ein Austausch. Zwei Offiziere der Rechten gegen ihn. Der Capitaine hat es mir am Telefon erzählt, er hat gelacht, zum ersten Mal, seit ich ihn kenne. Er hat gesagt, der Mann aus dem Wat habe Wort gehalten, obwohl er nichts versprochen hatte.“

„Wer?“

„Wer ihn erschossen hat?“ Garrity faltete das Formular und steckte es in die Brusttasche, zu dem Brief von Schwester Anne-Marie, den er noch nicht beantwortet hatte. „In Vientiane fragt man das nicht. Man fragt nur, wer es gewesen sein soll.“

Er ging zum Fenster. Draußen auf dem Vorfeld lud man die Maschine für den Rückflug, Säcke mit Post, Kisten mit Konserven, zwei Laoten in Zivil, die Kisten bewachten.

„Ich fliege heute zurück“, sagte er. „Nicht morgen.“

„Ich komme mit, wenn Sie wollen.“

„Nein. Sie haben hier etwas, wo Sie hingehören, Zielinski. Ein Schachbrett. Einen Linguisten. Einen Polen. Halten Sie es fest. In Vientiane hat er jetzt niemanden mehr außer mir und einem Mann aus dem Wat, der Kuchen bringt.“

Er nahm seine Tasche. An der Tür zum Vorfeld drehte er sich noch einmal um.

„Und schreiben Sie Ruth Calloway, dass das Kind bis hundert zählen kann. Wenn ich es heute Abend nicht schaffe. Die Adresse steht in meinem Brief an Sie, vom Oktober. 214 Putnam Street. Sie soll es vor Weihnachten wissen.“

„Das mache ich“, sagte Zielinski.

Garrity flog um vier. Über dem Delta lag Dunst, und über dem Hochland Wolken, und er flog unter ihnen hindurch, tief, über ein Land, das im Dezember grün und braun war und von oben friedlich aussah. Er dachte an Sithone, den er nie getroffen hatte und von dem er so viel wusste, dass er manchmal glaubte, ihn zu kennen: einen Mann, der im Gefängnis mit seinem Wächter Schach spielte und meistens gewann.

Ende der Leseprobe.

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